Per Bike und Boot durch Yakutien - Der Masterplan

Ich habe lange kein derartiges Schmunzeln und Staunen entgegnet bekommen. „Ja, Roman und ich fahren diesmal in Sibirien Rad. Kein Scherz. Nein, es ist dort nicht immer kalt! Äh, ja, es gibt dort viele Bären. Mit Boot? Na klar mit Boot!“

Der Masterplan

Die Initialzündung unseres Unterfangens liegt etwas weiter zurück, als die eigentliche Reise nach Russland. Wir schreiben das Jahr 2014, es neigt sich dem Ende entgegen. Es ist der Anbeginn unserer schrägen Zusammenkunft und die ersten Symptome von Reisefieber zeigen sich. Zugegeben, Roman und ich kannten uns damals nicht. Wir hatten lediglich einen gemeinsamen Freund. Ich arbeitete damals in einer Kletterhalle, er war dort zu Gast. Eines Tages nach Feierabend kamen wir (unter Einfluss von der ein oder anderen Flasche Bier) ins Gespräch. Kurze Zeit später waren gewisse Sympathien geweckt und wir entschlossen uns eine gemeinsame Reise zu wagen. Mit dem Fahrrad. Ins unbekannte Tadschikistan.Wir bekamen damals, aus mehr oder minder bekannten Gründen, den Titel „Die Tadchicks“ angeheftet. Dieser sollte auch den Titel dieser zweiten Reise erklären.

Am Ende unserer damals vierwöchigen Tour durch den Pamir, hatten wir uns etwas in die Haare bekommen. Sehr sogar. Der Grund war wahrscheinlich, dass wir unsere liebgewonnene Freiheit und sieben Kilo Körpergewicht abgeben mussten. Hunger war damals ein ständiger Begleiter. In Deutschland schrie die Arbeit und am tadschikischen Flughafen mussten wir uns noch mit korrupten Beamten herumschlagen. Anmerkung: Ich habe damals Roman für 10 Dollar freigekauft, nachdem der Kontrolleur unsere gute Laune für überschwänglichen Alkoholkonsum gehalten hatte. Ich stellte in dem Moment fest, wie günstig man Leute in Uniform schmieren kann.

 

Bikerafting

Damals hatte ich mir eigentlich geschworen, keine Reise mehr mit Roman anzutreten. Aber „never say never“: im Dezember 2017 fing das velodelische Fernweh wieder an zu wirken. Hier könnte man auch den klassischen Spruch „No good story starts with a glass of milk“ beifügen und damit bestätigen, dass gute Ideen (gelegentlich) aus Bierlaune entstehen. Nach tagelanger Recherche im Internet stießen wir auf alte militärische Karten aus Zeiten der UdSSR. Also nicht die aktuellsten, aber immer noch sehr detailreich. Mit dem dicken Finger fuhren wir in sämtliche Ecken des ex-sowjetischen Reiches, die für uns von Interesse waren: Kamtschatka, die Mongolei, das Altaigebirge und die Region um den Baikalsee. Doch es machte alles nur bedingt Sinn, wenn wir auf Gabelflüge und übertriebene Transportkosten verzichten wollten. Roman erwähnte damals beiläufig das Thema „bikerafting“, eine für uns Europäer recht junge Kombination aus Fahrrad und Schlauchboot. Diese Verbindung schafft auf einmal ganz neue Möglichkeiten, da Routen neu kombiniert werden können. Eine gelungene Idee.

 

Die Road of Bones

Wir stießen nach einigen Umwegen auf die ostrussische Teilrepublik Jakutien. Mit der etwa der zehnfachen Fläche von Deutschland aber nicht mal einer Millionen Einwohner, war der Entschluss dort hin zu reisen, schnell gefasst. Nach weiterer Untersuchung fanden wir auch eine durchaus nennenswerte Straße. Oder Schotterpiste. Die Kolyma Trassa, beziehungsweise die „Road of Bones“ kam schon einmal in den Fokus internationaler Medien, als Ewan McGregor aka Obi Wan Kenobi (ein bekannter Star Wars Schauspieler) mit einem Motorrad die gefährliche Strecke von Jakutsk bis Magadan fuhr. Damals hatte er die Reise nicht ohne eigene Hilfe geschafft und schloss sich einem Konvoi russischer LKWs an. Für uns hieß dass: Dort müssen wir hin!

Unsere Planung zog sich dennoch, denn aus 10.000 Kilometer Entfernung und ohne brauchbare Reiseberichte Landschaften und Strecken abzuschätzen gestaltete sich mehr als schwierig. Eine Straße auf einer Karte von 1950 kann schließlich gut und gern schon längst verschwunden sein. Unsere präferierte Route enthielt Ende 2017 im Gesamten ca. 1300 km „Road of Bones“. Anschließend wollten wir 200 km das Fahrrad durch die Pampa schieben, 20 km über einen Gletschersee paddeln, 150 km strampelnd einen Pass überqueren bis wir die letzten 500 km auf einem Fluss in Richtung Ochotskisches Meer hätten zurücklegen müssen. Soweit der Plan. Aber der erste Strich durch die Rechnung ließ nicht lange auf sich warten. Der geplante Rückflug aus Ochotsk wurde Anfang 2018 eingestellt. Ein herber Rückschlag für uns,  denn erreichbar war der schnuckelige Goldgräberort nun nur noch per Schiff oder per klapprigem Flugzeug aus dem noch weiter entfernten Khabarovsk. Eine Begründung der Airline gab es nicht. Doch scheinbar war das Dörfchen am Rande des ochotskischen Meeres kein Pauschalreiseziel für reiche Russen mehr.

Für mich als selbstständiger Fotograf wäre die Route durchaus noch denkbar gewesen, nur nicht in der vorgegebenen Zeit. Roman opferte schließlich seinen gesamten Jahresurlaub für den Zweck. Das Leid des Angestellten. So mussten wir unsere Route wieder umkrempeln und waren mittlerweile bei Plan E oder F angekommen. Doch wir gaben nicht auf und schraubten an der Route weiter.

 

 

Das finale Setup

Logistisch war unsere neue und dann finale Route auch kein Zuckerschlecken. Bike, Boot, Zelt, Sicherheitsequipment, Erste Hilfe und mehrere Kilo an Fertignahrung mussten nach Jakutsk verschifft, bzw. verflogen werden. Die russischen Transportbestimmungen wären hier ein eigenes Kapitel wert. Zum Glück bekamen wir noch einiges an Unterstützung um das Risiko eines technisches K.O.s zu minimieren: Freiburger Edelbikes von Tout Terrain, wasserdichte Taschen von Ortlieb, wildwassertaugliche Packrafts vom Anfibio-Packrafting Store. Alle Eventualitäten sollten abgedeckt sein. Es kann losgehen! 

 

Sei gespannt und folge den Tadchicks auf ihrer Reise durch Yakutien. In Kürze mehr!

Erlebt & geschrieben von Kilian Reil #Abenteuer
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