Per Bike und Boot durch Yakutien - Der Weg, das Ziel

Bikerafting durch die unerforschte russische Natur, wo Bär und Elch sich gute Nacht sagen – 1800 km ohne kaum einem Menschen zu begegnen.

Landung in Jakutsk

Als wir am 29. Juli 2018 auf der Landebahn in Jakutsk aufsetzen macht sich Erleichterung breit. Einmal um die halbe Welt mit 140 kg Gepäck. Mit dem Großraumtaxi fahren wir zu unserer Unterkunft: Nariyana, eine Couchsurferin, hat sich bereit erklärt hat, unsere nicht benötigten Sachen für eineinhalb Monate zwischenzulagern. Nach einigen letzten Einkäufen in Jakutsk geht es bereits am nächsten Tag los. Vor uns liegen fünf Wochen sibirische Einsamkeit, 2000 km Strecke und einige unvorhersehbare Ereignisse. Und viel Schotter.

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Der Weg aus der Stadt führt durch dichten russischen Verkehr. Wir merken schnell, dass der hiesige Autofahrer mit Radfahrern nichts anfangen kann. Knappe Überholmanöver und Hupen verfolgen uns aus der Stadt. Nach etwa zehn Kilometern stoßen wir auf die Fährstation, die wir ansteuern, um das andere Ufer zu erreichen. Als wir tags zuvor die Lena, den jakutischen Hauptstrom, dass erste Mal gesehen hatten, waren wir uns sicher, unsere Packrafts nicht dort zur Jungfernfahrt zu bringen. Stolze zwei Kilometer breit ist der Fluss und mit einer Strömung von 10 km/h auch nicht langsam. Dafür müsste man schon sehr weit flussaufwärts einsteigen, um zum anderen Fähranleger zu kommen. Die Überfahrt mit der Fähre dauert etwa eine Stunde und die ersten neugierigen Mitfahrer fragen uns verblüfft, wo wir hin möchten. Ein älterer Mann schüttelt den Kopf und schenkt uns lachend eine halbvolle Flasche Wodka: „Für den Weg!“ Und dann sagt er noch einen Satz, den wir in den vergangenen und nächsten Tagen häufig hören: „Good luck!“

Die Road of Bones

Auf der anderen Seite des Flusses genießen wir noch ein kurzes Stück Asphalt, bevor sich die Straße in die erwartete Schotterpiste verwandelt. Die Trasse durch Niemandsland verbindet Jakutsk mit dem am Ochotskischen Meer liegenden Städtchen Magadan und hat eine furchterregende Historie. Erbaut wurde die „Road of Bones“ von tausenden Strafgefangenen unter Stalins Herrschaft von 1930 bis 1950. Politische Gefangene und Gulaginsassen starben wie die Fliegen durch Erschießungen oder die unmenschlichen Bedingungen, der Kälte und Unterernährung. Das Fundament der Straße besteht angeblich aus den Knochen der Gefangenen. Und der ganze Aufwand?Um die enormen Ressourcen und Gold und Diamanten in der Region zu fördern, was sonst? Für Aufruhr während unserer Zeit dort, sorgte übrigens, scheinbar ein Flugzeug, dass während der Startphase am Flughafen einen gehörigen Teil seiner wertvollen Ladung an Goldbarren verlor und über die Startbahn verteilte.

Von Jakutsk schiebt sich die Trasse in nahezu kerzengeraden Passagen 600km bis ins Werchojansker Gebirge. Für uns sind die gelegentlichen Kurven ein gern gesehener Bruch in der eher meditativen Radstrecke hin zu den Bergen.

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Wir fahren durch lichte Lärchen- und Kiefernwälder, passieren Birkenhaine und alte, zerfallene Kolchosen. Vorbei an verlassenen Gehöften und wilden Pferdeherden. Der Straßenbelag ist um einiges abwechslungsreicher als die Sicht. Tagelang nichts als Bäume am Horizont. Wir merken, dass unsere Reisegeschwindigkeit etwas zu langsam ist: die ersten Mücken begleiten uns und werden nicht vom Fahrtwind verschreckt. Eine nervenaufreibende Angelegenheit. Nach fünf Tagen erreichen wir Khandyga, ein etwas zerzaustes Städtchen am östlichen Ufer des Aldan. Ein weiterer riesiger Zustrom der Lena. Verrostete Überbleibsel alter Fabriken stehen herum und sind Zeitzeugen einer vergangenen Zeit. Wir werden mit hochgezogenen Augenbrauen begrüßt und Kinder beobachten uns misstrauisch. Ein kleiner Supermarkt verschafft uns etwas kulinarische Abwechslung, bevor wir den weiteren Nachmittag nutzen und noch mehr Kilometer zurücklegen.

Die ersten Berge

Tags darauf erreichen wir ein heißersehntes Ziel: Die ersten Berge. Zeit ist es geworden, denn die letzten schnurgeraden Kilometer haben deutlich gezehrt. Allerdings mehr im Kopf als am Körper. Die verschiedenen Qualitäten an Schotter interessieren uns längst nicht mehr wirklich.

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Hier fahren vereinzelte LKWs um entlegene Dörfer, wie das 200km entferne Oymyakon zu versorgen. Mit -70 Grad Rekordtemperatur gilt die Siedlung als Kältepol der Welt. Wir haben jedoch im August deutlich entspanntere Temperaturen mit ca. 20 Grad im Durchschnitt. Die Staubfahnen der LKWs überziehen unsere Haut mit einer dicken Dreckkruste. Im Gebirge bauen sich tagsüber riesige Gewitterwolken auf, die sich am späten Nachmittag entladen und uns mit Unmengen Wasser aus sämtlichen Himmelsrichtungen beglücken. Für uns wichtiges, aber nasses Feuerholz wird deutlich aufwändiger zum anzünden. Geheimtipp: Bitumenhaltige Birkenrinde bringt auch nasses Holz zum brennen. Und die abendlichen Lagefeuer werden etwas höher geschürt, als wir die ersten Bärenspuren im Sand entdecken.

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Rote Gummiboote

Mehr schiebend als fahrend verlassen wir am neunten Tag die „Road of Bones“ und bewegen uns mit etwa 40 Kilometer am Tag nur langsam dem nächsten Etappenziel entgegen: Wir wollen in den Fluss Dyby einsteigen und diesen aus dem Gebirge heraus bis zum Aldan befahren. Dafür haben wir unsere Packrafts dabei. Rote Gummiboote, die, wie wir später erfahren werden, ziemlich viel einstecken können. Unsere gesamte Ausrüstung samt Fahrrad wiegt 70 Kilo. So wirklich Zeit, die Boote voll beladen und unter lokalen Bedingungen zu testen, haben wir nicht.

Ein Unterfangen, das sich kurze Zeit später als durchaus gefährlich heraus stellt. Der Fluss, in seiner ursprünglichsten Form, mäandert durch die Gebirgslandschaft und beherbergt schwierige Wildwasserstellen. Zwar sind die Passagen technisch nicht schwer, aber extrem unübersichtlich. Umgestürzte Bäume und Wurzeln versperren den Fluss und verbergen sich unter der Wasseroberfläche. Uferabschnitte sacken ins Wasser und von verschiedenen Seiten kommen Flüsse hinzu, die Kehrwasserstellen bilden.

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Als ich am zweiten Paddeltag einen unfreiwilligen Tauchgang hinlegen muss und mit samt des Bootes unter zwei Baumstämme gezogen werde steht für uns eines fest: gestorben wird hier nicht. Mit größter Vorsicht und aller Zeit inspizieren wir schwierige Stellen und umfahren diese zur Not. Nach einigen Tagen wird der Fluss merklich breiter und ruhiger. Mit breitem Grinsen paddeln wir durch beeindruckende Landschaften und unberührte Natur. Im Umkreis von 200km sind wir die einzigen Menschen. Aber hier wimmelt es von Bären und Elchen, so scheu, dass wir sie nur flüchtig sehen, bevor sie wieder im Dickicht verschwinden. Ein Landstrich, der mit Expeditionspotential nur so strotzt. Vor allem für derartige Bikerafting Projekte. Und wir kratzen nur an der Spitze dieses Eisberges.

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Der Angeltrip

Nach drei Wochen Einsamkeit erreichen wir den Aldan. Ein Fluss, der, wenn wir ihn weiter verfolgen würden, über die Lena ins Nordpolarmeer fließt. Da paddeln hier äußerst langwierig wird bauen wir kurzerhand ein Floß aus Treibholz und unseren Booten. Ein Tarp wird als Segel gehisst und los geht das nächste kleine Abenteuer.

Stolze 15 km/h stehen zeitweise auf dem „Tacho“ – meiner GPS-Uhr. Vorbei an Fischerdörfern und vereinzelten Lastkähnen „schießen“ wir der Zivilisation entgegen. So zumindest unser Empfinden. Am Ufer stehende Angler, reiben sich die Augen.

Als wir „Seebären“, Ende August wieder Fuß an Land setzen, sind wir erleichtert. Die Temperaturen sind die vergangenen Tage gesunken und Dauerregen hat uns etwas zugesetzt. Dieser hat auch die von dem Dörfchen Ust-Tatta führende Straße zurück zur „Road of Bones“ in ein unpassierbares Schlammfeld verwandelt. Wenige Kilometer außerhalb des Dorfes werden wir eines Besseren belehrt. Es ist kein Durchkommen. Just in dem Moment kommt uns ein alter, klappriger Jeep russischer Bauart, alias „Rennpappe“ entgegen. Freudig erregt schwingen sich drei Herren aus dem Vehikel und fragen uns wohin wir fahren wollen. Sie erwidern unser Vorhaben mit Gelächter und packen unsere Fahrräder auf das Dach des Geländewagens. Wir sollen lieber mit Angeln kommen, sagen sie in gebrochenem Englisch.

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Zurück im Dorf werden wir im Haus der Mutter freundlich empfangen und zu Tisch gebeten. Mit etwas Eile werden wir noch zum Badezimmer geführt, bevor es zum Angeln gehen soll. Das Bad ist eine alte Holzhütte die auch als Sauna verwendet wird. Nach vier Wochen ohne Dusche ist ein bisschen Hygiene auch dringend nötig.

Es stellt sich kurze Zeit später heraus, dass der „Angeltrip“ eine deutlich größere Veranstaltung wird. Mit Speedbooten fahren wir den Aldan hinab zu einer Gruppe an Blockhütten. Gefühlt fünfundzwanzig Männer mit Gewehren und Tarnausrüstung schleppen etwa die dreifache Menge an Wodkaflaschen zu den Hütten. Es scheint ein sportlicher Abend zu werden, dessen genaue Beschreibung hier den Rahmen sprengen würde.

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Am nächsten Morgen starten wir mit etwas Katerkopfschmerz, welcher schnell verfliegt, als uns am Frühstückstisch der nächste Wodka untergeschoben wird. Dieser ist auch dringend nötig, denn auf dem Menü steht: Elchherzsuppe.„Gibt’s hier auch ein Croissant?“

Als am späten Vormittag alle Beteiligten aus ihrem Schönheitsschlaf erwachen, steigen wir wieder in die Schnellboote. Roman und ich sehen uns etwas verwirrt an, als alle Boote bis auf unseres in eine andere Richtung abbiegen. Flussaufwärts fängt einer unserer Begleiter an Fischnetze aus dem Fluss zu ziehen. Wir schlucken beide, als da nicht irgendwelche Fische hochgezogen werden, sondern streng geschützte Störe. Die Fische gelten dort als Delikatesse und werden für ihren Kaviar gejagt. Als wir mit den, immer noch röchelnden Fischen zum Camp zurück kehren, werden diese gefeiert und gleich ausgenommen. Der Größte enthält wohl etwas über zwei Kilo an frischem Kaviar. Aber „no Instagram“ lautet die Devise, als ich meine Kamera zücke. Ich lächle und fotografiere trotzdem.

Einen Tag später verlassen wir das Dorf und begeben uns auf den Weg zurück nach Jakutsk. Vor uns noch 350 Kilometer Piste und Schlamm. Aber wir müssen uns etwas sputen, denn der kleine Angelausflug hat uns etwas Zeit geraubt.

Jakutsk empfängt uns mit einem warmen Kaffee und einer Portion Pommes. Das Ende einer spannenden und teilweise nervenaufreibenden Reise und möglicherweise der Start eines neuen Abenteuers. Wie gesagt: Wir haben nur die Spitze des Eisberges gesehen. Ich für mich habe schon beschlossen: Ich komme wieder. Danke Yakutien.

2018_K_REIL_Yakutien_-0351Text und Fotos (c) Kilian Reil 

 

Und wer noch nicht genug hat von den Tadchicks, der kann sich die Multimedia Show der Beiden ansehen. Hier eine erste Sneak-Preview!

 

Erlebt & geschrieben von Kilian Reil #Abenteuer
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