Grün von Audit bis Zulieferer

Bei Tout Terrain ist „grün“ eine der Rahmenfarben. Aber nicht nur.

Wer mit dem Fahrrad seine Alltagswege oder Urlaubsreise bestreitet, produziert höchstens mal etwas Grobstaub, wenn es rasant um die Kurve geht. Und auch die Lärmbelastung ist nun wirklich überschaubar, so lange die Kette gut geölt ist. Doch auch in der Fahrradproduktion und bei den verwendeten Teilen gibt es Unterschiede im Grad der Nachhaltigkeit. Der Fahrradhersteller aus Gundelfingen bei Freiburg ist vollkommen zufrieden, wenn er seine Kundinnen und Kunden nach dem Kauf nie mehr sieht. Sie fahren mit ihrem Bike auf und davon und das über Jahrzehnte. Das entspricht exakt der Philosophie des Unternehmens, langlebige und solide Produkte zu fertigen, die nie zum alten Eisen gehören. Das Design unterwirft sich deswegen bewusst keinem kurzlebigen Trend. Auf den Bikes sitzt es sich gut, nichts klappert, sie brauchen höchstens mal etwas Luft. Sollte dem Rahmen beim frontal angefahrenen Bordstein oder mitten in Bolivien doch einmal etwas passieren, so ist er vor Ort gut zu schweißen. Deswegen setzt Tout Terrain auf Stahlrohre. Natürlich werden solche Reparaturen auch in der Fahrrad-Manufaktur in Gundelfingen bei Freiburg sehr sorgfältig erledigt. Stellt sich die Frage, warum die Rahmen in Taiwan gefertigt werden. 

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KEINE PREISGRÜNDE MEHR

Vor zwanzig Jahren galten Taiwan-Fahrradrahmen als Synonym für Billigfahrräder, die schwer waren und trotzdem reißende Schweißnähte aufwiesen. Anfangs waren es tatsächlich Preisgründe, warum die Fahrradrahmen von dort kamen. Das hat sich grundlegend gewandelt. Obwohl Taiwan kaum Fahrradkultur besitzt, werden dort heute die weltweit besten Rahmen geschweißt. Den Preisunterschied zur Fertigung hierzulande gibt es nicht mehr. Und kein europäischer Betrieb könnte die Tout Terrain Rahmen in der benötigten Qualität und Menge schweißen.

Tout Terrain arbeitet in Taiwan seit mehr als zehn Jahren mit den gleichen Rahmenproduzenten zusammen. Zweimal pro Jahr besuchen Mitarbeiter aus Gundelfingen die Produktion vor Ort. In der dortigen Kultur ist der persönliche Besuch für die anstehenden Detailanpassungen und neue Produkte enorm wichtig. Die Anfahrt ist mit dem Fahrrad aber nicht zu bewältigen. Die Geschäftsleitung ist sich der Problematik des Schadstoff-Ablasshandels bewusst. Trotzdem kompensiert sie die Flüge und alle Europa-Geschäftsreisen, die möglichst im Ground-Verkehr stattfinden, dennoch über Atmosfair, eine Klimaschutzorganisation mit dem Schwerpunkt Reise. Mit den Einnahmen werden Klimaschutzprojekte nach dem CDM Gold Gütesiegel, dem strengsten existierenden Standard, unterstützt. „Ein Schritt in die richtige Richtung“, kommentiert Stephanie Römer, eine der beiden Geschäftsführenden, diesen Sektor der CO²- Bilanz, „wir sind froh, dass wir die Besuche auf diese Anzahl reduzieren können.“ Kompensiert wird auch beim Paketversand über das Programm „GoGreen“ der DHL. 

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AUDIT WIE BEI DEN GROSSEN

Aber auch vor Ort achtet das Unternehmen bis ins Detail auf grüne Alternativen. Dieses Magazin besteht, wenn du gerade die Printvariante liest, aus FSC-zertifiziertem Papier, gedruckt im Nachbarort Emmendingen. Das Büromaterial stammt vom ökologisch orientierten Anbieter Memo, der in Mehrwegboxen liefert. Beim Rechenzentrum wurden mit Hosteurope und Timme Hosting zwei ausgewählt, die ihre Server mit Ökostrom befeuern.

Was haben Einwegbecher mit Fahrrädern zu tun?
Richtig, am besten gar nichts. Im Firmengebäude von Tout Terrain gibt es keinen einzigen, der Kaffee wird in Tassen geschenkt. Wasser gibt es aus dem Spender mit darauf abgestimmten Glasflaschen. Im Zuge eines Energie-Audits wurden in der Produktion bestens isolierende Fenster eingesetzt, die neuen Leuchten sind heller und sparsamer, die Heizung ist nun optimiert. Seitdem montieren selbst im Winter alle bei besten Bedingungen. Mit diesen Maßnahmen reiht sich Tout Terrain, als vergleichsweise kleiner Betrieb, ein in die nachhaltige Ausrichtung wesentlich größerer Unternehmen wie Vaude in Tettnang oder Patagonia in Kalifornien. Das fängt bereits vor der Firmentüre an, ein überdachter und großzügiger Fahrradständer ist für einen solchen Betrieb ja bereits eine Pflichtübung. 

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EINER MONTIERT ALLES

Wenn die rund zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach dem Heimweg per Fahrrad noch nicht genügend Bewegung haben, können sie am „Hansefit“-Programm teilnehmen, einer Mitgliedschaft, die kostenlosen Zugang zu Fitnessstudios, Spas, Bädern und Freizeiteinrichtungen in der gesamten Region bietet. „Viele nutzen das Angebot im Fitnessstudio, beim Klettern oder vorwiegend im Sommer zum Schwimmen“, sagt Stephanie Römer. Andere freuen sich besonders über die wöchentliche kostenlose Kiste, gefüllt mit lokalem Bio-Obst. Überhaupt sieht Tout Terrain in seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sein größtes Kapital. Massenproduktion ist beim Fahrradkonzept und der umfangreichen Zubehörauswahl ohnehin nicht möglich. Aber wenn an einem fertigen Tout Terrain-Bike auf dem Label steht „gefertigt von Christian Peters“ dann hat er jedes einzelne Bauteil montiert. Die Überzeugung, dass diese Art der Fertigungstiefe am besten ist, verlangt der Firmenleitung einige Planung ab, denn sie unterstützt zudem ausdrücklich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexible Arbeitszeiten und bietet nach Möglichkeit Home-Office-Tage an. Aber die Fahrradmontage in der Fahrrad-Manufaktur geht eben nicht von zu Hause aus. 

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BESCHICHTEN STATT NASSLACKIEREN 

Hast du beim Lackieren schon einmal eine „Rotznase“ fabriziert? Bei den Tout Terrain-Rahmen kann das nicht vorkommen. Denn bei der Pulverbeschichtung bleiben Lackpartikel nur bis zur gewünschten Schichtdicke haften. Das spart 40 Prozent Farbe. Die Partikel überbrücken sogar kleine Unebenheiten. Alles dank elektrischer Spannung. Nur das Fahrrad steht dabei unter Strom, nicht der Lackierer. Für den ist diese Art der Beschichtung zwar immer noch anstrengend und sie erfordert, eine Schutzmaske zu tragen. Zur Vergangenheit gehört dabei jedoch die gefürchtete „Lackiererkrankheit“, die durch Lösemitteldämpfe ausgelöst wird. Denn in der Tout Terrain-Lackiererei gibt es – wie mittlerweile bei vielen versierten Rahmenbeschichtungen – keine gesundheitsbedenklichen Lösemittel mehr.

Die Pulverbeschichtung hat auch für das langlebige Produkt große Vorteile. Denn der Farbanteil beträgt in Pulverlacken 100 Prozent, das Doppelte von herkömmlichen Nasslacken. Die Schichtdicke pro Arbeitsgang ist außerdem wenigstens doppelt so hoch, deswegen sind weniger Lackierdurchgänge notwendig. Außerdem sagen die Pulverbeschichtungen ätsch zu Split, reibenden Fahrradtaschen und Laternenpfosten beim Anschließen. Denn sie sind wesentlich zäher. Netter Nebeneffekt: Durch die Lackierung im Haus ist die Farbwahl durch jede Kundin, jeden Kunden möglich. Schweinchenrosa oder elegant mattschwarz? Gab es alles schon. Sollte die Farbe nach einigen Jahren doch nicht mehr gefallen oder hinterließ die Route entlang der Panamericana nun doch zu viele Macken im Lack, dann kann er in der Fahrrad-Manufaktur in Gundelfingen auch wieder neu pulverbeschichtet werden. 

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DOPPELTER KLIMASCHUTZ DURCH KUNDEN 

Natürlich sitzen die Kundinnen und Kunden oft auf ihren Tout Terrain-Sätteln und sie leisten dabei einen starken umweltrelevanten Beitrag, denn während dieser Zeit sind sie nun mal nicht mit Auto, Flugzeug oder Schweröldampfer unterwegs und doch auf Reisen. Und auch im Moment des Fahrradkaufs können die Kundinnen und Kunden unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nochmals punkten. Denn Tout Terrain verdoppelt jeden Beitrag den die Käufer, freiwillig, beim Fahrradkauf an Atmosfair geben.

„Die Kampagne Go2 Atmosfair! startet im August und wir hoffen, dass sie von unseren Kunden gut angenommen wird“, sagt Stephanie Römer. Die Pläne für die kommenden Jahre nehmen bereits Formen an. Zunächst soll es mehr Bewuchs auf dem Firmengelände geben. Das geht zwar zu Lasten der Parkplätze, aber die werden ohnehin immer weniger genutzt. Und schließlich gibt es ja auch E-Bikes im Tout Terrain-Programm, „für Entfernungen bis zu 20 Kilometer ist der Zeitunterschied zum Auto minimal und wenn du dann heimkommst, hast du ja schon Sport gemacht!“ schwärmt Stephanie Römer. Ob elektrounterstützt oder nicht, mit einem Tout Terrain Rad als Zugmaschine können auch die Nachkommen bestens nachkommen: Im Tout Terrain-Anhänger als Nachhaltigkeits-Elterntaxi. 

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CLIMATE FAQ

"Beim Verschicken der Rahmen und allen Komponenten soll, wenn möglich, ein Bahn- oder Schiffstransport der Flug- und Lkw-Fracht vorgezogen werden. Euren sehr interessierten Kunden ist das vielleicht etwas zu schwammig."

Oliver Römer: "Und uns ist es ebenfalls nicht recht, das nicht in Granit meißeln zu können, aber wir können im Moment nur dort Einfluss nehmen, wo wir die Transportwege selbst bestimmen können. Dies ist beim Versand der Rahmen so, denn fast alle kommen im Schiffscontainer. Die verbauten Lichtanlagen kommen alle aus Deutschland, manche sogar von der anderen Straßenseite. Es ist oft schwer, Lieferanten zu finden, die einem den umweltfreundlichen Transport garantieren. Darüber hinaus versuchen wir möglichst viele Komponenten von deutschen Herstellern zu beziehen, die noch vor Ort fertigen."

"Wie viel Transport fällt denn noch innerhalb der Produktion an?" 

"Gar keiner. Wir produzieren alles in unserer Produktionsstätte in Gundelfingen. Das hat nicht nur beim Umweltschutz Vorteile. So gelingt die Qualitätskontrolle der Fertigung viel besser und Extras laufen kurzfristig. Auch unsere Prototypen fertigen wir hier und können sie einen Tag später unter realen Bedingungen testen. Der Schwarzwald beginnt praktisch an unserem Briefkasten." 

"In den vergangenen vier Jahren ist beim Versand der Anteil von Kunststoffen um 90 Prozent gesenkt worden. Wo lässt sich der Kunststoff nicht ersetzen?"

"Wir versenden seit mittlerweile 4 Jahren CO² kompensiert. Wir haben uns also sehr früh mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Karton und Papier wirken trotz der besonders robusten Pulverbeschichtung auf den Rahmen leider wie Schleifpapier. Funktional ist das kein Problem, aber die Kunden erwarten verständlicherweise unversehrte neue Rahmen. Deswegen schützen wir exponierte Stellen immer noch mit Stretchfolien oder Luftpolsterfolien aus Polyethylen. An den ganz hervorstehenden Teilen, wie zum Beispiel den Gabelenden setzen wir zum Transportschutz Kunststoffteile auf." 

"Auch Fahrradakkus funktionieren ja aller Lebenserfahrung zufolge nicht ewig. Was ist aus Nachhaltigkeits-Perspektive dabei zu beachten?"

"In der Tat ist das ein zwiespältiges Thema. Es hängt immer vom Ausgangspunkt ab. Wenn man vom Fahrrad ausgeht, so ist das E-Bike immer eine Verschlechterung des Status Quo. Wenn allerdings ein Radfahrer sein Auto, das ja die meisten trotzdem haben, häufiger stehen lässt und stattdessen das E-Bike nimmt, dann ist es sehr wohl eine Verbesserung, auch aus Nachhaltigkeits- Gesichtspunkten. Gegen die Mengen an Akkus, die durch die Autoindustrie auf uns zurollen, sind die Mengen an E-Bike-Akkus geradezu überschaubar. Aber auch für E-Bike Akkus gilt, dass eine fachgerechte Entsorgung nach Ende der Lebensdauer unabdingbar ist."  

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Erlebt & geschrieben von Stephanie Römer #Inside #Nachhaltigkeit
Dieses Equipment war mit dabei:
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